DaWanda ist tot – aber DIY lebt!

Kategorie Business Tipps / Datum Januar 1, 2019

Online-Marktplätze wie DaWanda und Etsy waren für kreative Selbermacher eine Revolution: Plötzlich war es möglich, aus einem geliebten Hobby auf einfache Weise ein Geschäft zu machen oder seine Kunden nicht mehr nur im Bekanntenkreis oder Wohnort, sondern im ganzen Land und darüber hinaus zu bedienen.

Mit der Professionalisierung der Handmade-Szene kam der Erfolg der Internet-Plattformen für Handgemachtes. Nun ist der wichtigste Anbieter Deutschlands am Ende. Was bedeutet das für kleine Label?

Das große Versprechen „Macht euer Ding!“

 

Das große Versprechen der Plattformen hatte sich für viele eine Zeit lang erfüllt: Macht euer Ding! Lebt euren Traum und seid Unternehmer — wir bieten die Struktur, ihr den Stoff. Das US-Vorbild Etsy, inzwischen an der Börse notiert (nicht ohne die große Skepsis und Widerwillen einiger erfolgreicher Seller) spricht gar vom Errichten einer globalen „Etsy-Ökonomie“. In dieser „besseren Welt“ machen kleine, lokale Anbieter die Wirtschaft menschlicher, indem sie selbstbestimmt und wertegetrieben ihre Produkte über die Plattform verkaufen. Die Nähe zwischen Produzent und Konsument soll auch online erhalten bleiben. Ein schöner Gedanke, den wir unterstützen. Aber auf die Gestaltung kommt es an.

 

Auch unser Weg zum Unternehmertum wurde in gewisser Weise von Etsy und DaWanda gestützt: Ich verkaufte meine ersten workisnotajob.-Drucke über Etsy und Sophie hatte zu Beginn ihrer Selbstständigkeit ein kleines Label, bei dem sie handgemachte Drucksachen und Textilien anbot. So erfolgreich, dass aus dem Nebenerwerb bald ein weiteres Projekt wurde, das die gesamte Szene unterstützen sollte: hello handmade.

 

Die Möglichkeiten, die mit DaWanda und Etsy kamen, sich einfach am Markt auszuprobieren und das Internet als unternehmerisches Experimentierfeld zu nutzen, gehört zu den großen Chancen der Digitalisierung. Jeder kann Unternehmer sein, der etwas selbst kann. Wir werden nie vergessen, welch ein Gefühl es war, das erste Geld mit den eigenen Ideen und selbstgemachten Produkten zu verdienen. Die Resonanz vom Kunden machte Mut, die Entwicklungsmöglichkeiten wurden spürbar und somit trugen Plattformen wie DaWanda auch zu unserem heutigen unternehmerischen Erfolg bei.

 

Die Abhängigkeit

 

Was es allerdings bedeutet von einer Plattform abhängig zu sein, erfahren zehntausende DaWanda-Verkäufer nun auf bittere Weise. Die Plattform konnte nach eigenen Angaben ihre Wachstumsziele nicht erreichen, das Projekt wird Ende August überraschend vom Netz genommen. Allen aktiven Verkäufern wird das Angebot gemacht, ihren Shop zum US-Konkurrenten Etsy umzuziehen.

 

Ein Schock für alle, die ausschließlich über DaWanda verkauft haben, keinen eigenen Shop oder Reichweiten haben und Etsy nicht überzeugend finden. Das Angebot von DaWanda, den eigenen Shop mit einem Migrations-Tool, nebst Kunden-Bewertungen zu Etsy umzuziehen, stößt auf Skepsis. Viele Verkäufer haben parallel bereits einen Etsy Shop, häufig hat er aber Spinnenweben angesetzt. Etsy ist zwar im globalen Vergleich der weitaus größere Marktplatz, konnte seinen Vorsprung aber im deutschsprachigen Raum nie ausbauen.

 

Für deutsche Seller war die Überschaubarkeit von DaWanda willkommen. Und jeder, der schon mal auf einem überfüllten Wochenmarkt die Krise bekommen hat, kann sich vorstellen warum: Je mehr los ist, und je mehr gleichartige Produkte angeboten werden, desto schwieriger ist es für den Einzelnen gut zu verkaufen. Auch wenn möglicherweise mehr potenzielle Käufer da sind.

 

Bei aller Euphorie über den einfachen Zugang zum Markt, ist der Verkauf auf solchen Plattformen nicht problemfrei: Unsichtbarkeit, Hohe Gebühren, Abmahngefahr, Abhängigkeiten.

 

Die Plattformen rechtssicher zu bekommen, ist sicherlich für alle eine (bisher nicht gelingende) Herausforderung. Letztendlich ist jeder Verkäufer selbst für die Einhaltung des geltenden Rechts und einen abmahnsicheren Shop zuständig. DaWanda war jedoch besser an den deutschen Markt angepasst, die E-Commerce Bestimmungen und Datenschutz wurden immerhin thematisiert und die lokalen Hindernisse wahrgenommen, während Etsy lange Zeit nicht mal in deutscher Sprache verfügbar war.

 

Ob Etsy auf die Schwierigkeiten mit denen DaWanda zu kämpfen hatte eingestellt ist, ist ungewiss [1]. Zudem ist Etsy überfüllt mit Angeboten, zahlreiche Anbieter aus den USA, dem großen Binnenmarkt, für den die Plattform einst gemacht wurde, mit den immer gleichen Produkten: Taschen, Seife, Schmuck — alles in ähnlicher Ausführung schon tausendfach vorhanden. Außerdem wird die Plattform mit Produkten „Made in China“ geflutet [2], seitdem sie für stärkeres Wachstum, für Waren aus nicht eigener Herstellung geöffnet wurde [3].

 

Viele Filterfunktionen sollen die Masse von Angeboten bei Etsy überschaubarer machen, aber für Verkäufer bleibt ein Problem, ähnlich wie bei Amazon: too much browsing. Zudem gab Etsy gerade bekannt die Gebühren zu erhöhen —wenn auch nicht in dem hohen Maße, wie DaWanda noch kürzlich.

 

Das Handmade Geschäft hat ohnehin keine hohe Margen, irgendwann wird der Stundenlohn aber lächerlich und die schöne „Etsy-Ökonomie“ ist eben doch nur noch für jene interessant, die industriell herstellen, Material vertreiben, oder, so wie wir bei supercraft, Produkte zum Selbermachen anbieten.

 

Amazon Handmade hat mit einer eigenen Sparte darauf reagiert und funktioniert noch nach strengen Kriterien: Wer nicht selbst herstellt oder in die passende Künstlerkategorie fällt, darf nicht mitmachen. Die Handmade Sparte von Amazon ist in Deutschland noch nicht besonders aufgefallen, könnte aber für Handmade-Käufer eine Lücke schließen. Amazon hat jedoch ein Image, mit dem viele DIY-Anbieter sich nicht anfreunden können. Der Mangel an Identifikation und die relativ hohen Gebühren könnte sie auch in Zukunft abschrecken.

 

Für betreffendes Small Business in Deutschland ist es schwer.

 

Sie stehen vor der Entscheidung es mit Etsy weiterzuprobieren und andere Vertriebswege zu erforschen oder gar aufzuhören. Designer und Label, die auf der Plattform hohe Einnahmen erzielt haben, werden bereits über einen eigenen Online-Shop verfügen und die Plattformen nur als weiteres Standbein genutzt haben. Auch wenn für sie alle ein Einkommensstrang nun ausfällt, besonders hart ist es sicherlich für die vielen Shops, die als lukrativer Nebenerwerb funktionierten. Sie haben die Haushaltskasse aufgebessert, aber auch selbstbestimmte Arbeit und Erfolgserlebnisse gebracht. Und wir reden hier schließlich von Handarbeit und Selbstständigkeit— so etwas schmeißt man nicht einfach hin, nur weil eine Plattform schließt.

 

Das Siechtum von DaWanda war schon einige Zeit merklich. In unserer Shopstatistik lässt sich klar nachvollziehen, ab wann DaWanda Änderungen vollzog, die zum Nachteil der Shop-Betreiber gerieten. Technischer Murks auf der Seite und Wechsel in der Führung waren für uns als jahrelang sehr erfolgreicher Shop mit supercraft spürbar. Wir erzielen zwar seit der Gründung die mit Abstand höchsten Einkünfte bei supercraft über den eigenen Shop, trotzdem war DaWanda über die Jahre ein guter Partner.

 

Die totale Abwicklung, noch dazu in dem Tempo, hätten wir so nicht für möglich gehalten. Die dazugehörige Kommunikation, in der Ferienzeit, das zügige Entfernen aus dem Netz innerhalb von nur zwei Monaten und die Gewissheit, dass Geld, das viele grade noch in ihren DaWanda Shop gesteckt haben, zB. für Marketingmaßnahmen zur besseren Sichtbarkeit, für rechtssichere Texte auf der Plattform etc. nun als herausgeworfen wahrgenommen wird, verärgert die Seller-Community, die sich im DaWanda-Forum Luft macht.

 

Aber es nützt nichts, sich über die gegenwärtige Entwicklung zu beschweren. Wichtiger ist es, sich um seine eigene Arbeit zu kümmern.

 

Was ist jetzt zu tun?

 

Nachdem der erste Schock verdaut ist, sollten Kreative — egal ob als Hobby oder im Haupterwerb, sich überlegen, wie sie auf die neue Realität reagieren. Wir raten aktiv zu werden und, wie es sich für DIY-Leute gehört, die Arbeit in die eigenen Hände zu nehmen.

 

  • Den von DaWanda angebotenen Umzug zu Etsy erstmal wahrnehmen, um die Shop-Bewertungen nicht zu verlieren (evtl. Auswirkungen auf das Google-Ranking nicht unterschätzen) und die Möglichkeit für Kunden schaffen, weiter einkaufen zu können.
  • Schleunigst einen eigenen Online-Shop umsetzen. Dies muss nicht teuer sein und kann über Web-Baukästen-Systeme geschehen wie etwa jimdo (sehr easy) oder wordpress etc. (eine Liste mit Tools & Tipps von uns gibt es hier.)
  • Mit einem auf E-Commerce /Online-Recht spezialisierten Rechtsanwalt zusammen rechtssichere Texte erarbeiten — egal ob man über eine Plattform oder in eigenem Shop verkauft. Impressum, Datenschutz, AGB sind kein Witz und auch bei Etsy nötig!
  • Weitere Möglichkeiten für mehr Sichtbarkeit erforschen: Instagram (Facebook), Pinterest auf kreative Weise nutzen und zu interessanten Themen bloggen, um die eigene Marke zu stärken und besser gefunden zu werden.
  • Kooperationspartner suchen und Ideen für kreative Zusammenarbeit entwickeln. Als UnternehmerIn unternimmt man etwas und versuchen das eigene Angebot breit zu platzieren.

 

Professionelle Seller tun all das schon. Aber insbesondere für sie, haben wir eine neue Idee: Ein hello handmade Profil anlegen. Warum das sinnvoll ist, nun trotz allem noch ein weiteres Profil anzulegen, erklären wir im Folgenden..Read on, we get to it!

 

Das Problem, das auch Etsy nicht löst

 

Wachstum über Sinn zu stellen und alles der Gewinnmaximierung unterzuordnen, passt weder zum Handmade-Ethos, noch zur täglichen Arbeit von Kreativen. Wenn Shareholder-Interessen befriedigt werden müssen, muss die Nische zum Mainstream gemacht werden. Und obwohl das Etablieren von „Handmade“ im herkömmlichen Kaufverhalten der Branche nur gut tut, ist die Auslegung der Plattformen auf immer stärkeres Wachstum schwierig. Seit langem arbeiten Sophie und ich daran, hello handmade weiterzuentwickeln um kreatives Entrepreneurship zu ermöglichen und Small Business hierzulande noch besser zu unterstützen.

 

Wir glauben, dazu kommt es zuerst auf die Kreativen selbst an. Dazu braucht es mehr wirklich unabhängiges Wirtschaften und viel mehr Citizen Entrepreneurship. Die großen Plattformen sind nur ein Baustein — aber sie bringen nicht automatisch Unabhängigkeit und je größer sie werden (und je mehr Geld sie von Investoren verschlingen, desto größer müssen sie werden), desto schwieriger wird es für den Einzelnen dort noch gefunden zu werden.

 

Und wie wir sehen, können auch sie innerhalb von wenigen Monaten in der Versenkung verschwinden. „Wachstumsziele nicht erreicht“ — und das ist auch kein Wunder, denn Handmade ist und bleibt eine Nische. Und sobald zu viele dabei mitverdienen wollen, bleibt dem Hersteller, der noch abseits der Massenware produzieren will, nicht mehr genug übrig.

 

»…Bottom line, don’t ever build you business on someone else’s platform.« — Joanne Nelson (via Shannon Whitehead, Factory45)

 

Ein Learning muss es sein, sich niemals niemals niemals von einer Plattform abhängig zu machen. Natürlich war es einfach, natürlich war es bequem — aber es ist nicht unternehmerisch. Und so wertvoll Verkaufsplattformen für Händler sind, um unabhängig zu bleiben, muss man nicht nur kreative Dinge verkaufen, sondern auch ein kreatives Geschäftskonzept haben.

 

DaWanda ist tot, aber DIY lebt

 

Mit dem Aus von DaWanda und den Problemen, die auch der Wechsel zu Etsy nicht löst, möchten wir der Branche mit hello handmade ein neues Angebot machen. Aus unserer Sicht sind zwei Dinge für Anbieter in dieser Branche zentral:

 

  • Sichtbarkeit: Wie werde ich gefunden?
  • Unabhängigkeit: Wie bleibe ich unabhängig und behalte am meisten von meinem verdienten Geld?

 

Was ist hello handmade?

 

Seit 2010 organisieren und veranstalten wir den hello handmade Markt in Hamburg. Einmal im Jahr eine Veranstaltung, die ca. 5000 Handmade-Fans anzieht und ausgesuchten Kreativen einen starken Verkaufstag bietet. Etsy und DaWanda waren uns über die letzten Jahre enge Kooperationspartner und gehörten in der Vergangenheit abwechselnd zu den Sponsoren.

 

Mit hello handmade wollten wir in erster Linie immer einen besonderen Markt für die kreative Branche machen. Unser Credo: Wenn der Markt für den Händler gut ist, dann ist er auch für den Besucher gut. Alle gewinnen.

 

Nach fast 10 Jahren möchten wir hello handmade weiterentwickeln. Das Aus von DaWanda ist nicht der Anlass — wir arbeiten schon seit über einem Jahr an einem Update. Nun scheint der richtige Zeitpunkt, einen ersten Einblick zu geben. Der hello handmade Markt wird lokal nach wie vor stattfinden und das Online-Angebot wird stark ausgebaut. Und zwar mit unterstützenden Angeboten, die aus unser Erfahrung von Selbstständigen in dieser Branche benötigt werden.

 

hello handmade ist ein Online-Branchenbuch für Handgemachtes und kreative Unternehmen

 

Wir wollen mit hello handmade ein Portal schaffen, der gezielt die relevanten Branchen unterstützt, ohne sie in Abhängigkeiten zu zwingen, oder das Projekt der Gewinnmaximierung unterzuordnen. In den kommenden Monaten werden wir also einen Re-Launch der hello handmade Seite vornehmen und zu einem Projekt ausbauen, das sowohl einen Mehrwert für Liebhaber von Handarbeit, Manufakturen und kleinen Labeln bietet, als auch Anbieter mit verschiedenen Angeboten in ihrer kreativen Selbstständigkeit unterstützt.

 

hello handmade steht damit nach wie nicht in Konkurrenz zu Etsy & Co., könnte dies auch niemals und es wird auch keine Shop-Plattform werden, sondern wir verstehen uns als Partner für kreative Selbstständige. Ein Profil anzulegen, soll sich lohnen. Wir werden die Beta-Version in Kürze mit ausgewählten Vertretern relevanter Branchen testen.

 

Die Kreativ-Branche, in ihrer Vielfalt und die Menschen , die die Wirtschaft ein bisschen bunter und die Arbeitswelt selbstbestimmter machen, sind für uns die Hidden Champions für eine bessere Arbeitswelt. Nur wird ihre Welt ständig mit Rahmenbedingungen und Regelungen, die Selbstständigkeit nicht schätzt, erschüttert. DSGVO-Verwirrung, eine irre Abmahnpraxis und unfaire Bedingungen bei den gesetzlichen Sozialversicherungen [4]— all das macht unternehmerisches Arbeiten für Small Business, nicht nur im Netz, schwer. Das Aus von etabliert geglaubten Plattformen erschüttert viele in ihrem Glauben an die Sache. Mit dem Ende von DaWanda stirbt auch ein bisschen die Leichtigkeit, mit der viele an ihre Arbeit gegangen sind und einfach mal etwas ausprobiert haben.

 

Die Selbstständigkeit ist in Deutschland ohnehin ein scheues Reh. Wir möchten einen Beitrag dazu leisten, dass die Lust am Selbermachen nicht verloren geht und wir möchten die Angebotsvielfalt, aber auch die Vielfalt an kreativen Arbeitsmodellen fördern—schließlich leben wir in einer Zeit, in der freie Arbeit und Citizen Entrepreneurship eigentlich der neue Normalfall sein könnte.

 

Weil wir an die kreative Branche glauben und sie so sehr schätzen, werden wir mit dem Update von hello handmade und den Leistungen bei Happy New Monday noch mehr Angebote schaffen, um all jene zu unterstützen, die unternehmerisch und selbstbestimmt arbeiten und von den eigenen Ideen leben wollen.

 

Das Selbermachen muss weitergehen!


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